Das Mitteilungsblatt Kernen – ein „lebendiges Stück Gemeindeleben“?

Für die meisten Menschen – zumindest für diejenigen, die es feiern bzw. feiern können – ist Weihnachten eine Zeit der Geschenke und eine Zeit der guten Wünsche.
Davon ging auch der Verein Kernen21 (kurz „K21“) aus, der sich seit 12 Jahren um den Öffentlichen Nahverkehr und die Barrierefreiheit in unserer Gemeinde und in der Region kümmert.
Für die letzte Ausgabe, die Weihnachtsausgabe des Mitteilungsblattes, hatte K21 einen Weihnachtswunsch formuliert, der in dieser letzten Ausgabe des Jahres veröffentlicht werden sollte. Wie schon in vielen anderen Fällen wurde dieser Beitrag – trotz Weihnachtswünschen – von der Gemeindeverwaltung zensiert.
Der Beitrag hatte den folgenden Wortlaut, die zensierten Passagen sind in rot:

K21 Kernen für Mitteilungsblatt Kernen Nr. 51-2025 vom 17.12.2025 Weihnachtswunsch

Ein Weihnachtswunsch
Haben Sie auch manchmal Weihnachtswünsche, von denen Sie nicht wissen, ob sie je in Erfüllung gehen werden? Aber diese Erfüllung ist auch nicht komplett ausgeschlossen, es ist halt nicht so klar, wann das sein wird.
So einen Weihnachtswunsch hätten wir auch: nämlich den Nulltarif im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), also in Bussen und S-Bahnen. Stellen Sie sich mal vor, Sie bräuchten keinen Fahrschein mehr, Sie stehen einfach an der Haltestelle, steigen ein und fahren los. Im Idealfall auch noch mit einem Bus im Viertelstundentakt. Die Zeitaufwand für das Bezahlen entfällt, der Bus kann sofort losfahren und kommt so schneller an sein Ziel, sagen wir mal nach Esslingen, Endersbach, Waiblingen oder Fellbach. Und dort angekommen, steigen Sie einfach in die nächste S-Bahn um. 
Wäre das nicht ein tolles Weihnachtsgeschenk für uns alle? 
Übrigens: in unserer Nachbarstadt Waiblingen gibt es diesen Nulltarif schon: zumindest an allen Samstagen im Advent im Stadtgebiet der Stauferstadt. Das wäre doch für Kernen auch mal eine gute Idee. Nächstes Jahr vielleicht?

Mit dem X20 zum Weihnachtsmarkt Esslingen
Der Weihnachts- und Mittelaltermarkt hat noch bis Montag, 22.12. täglich von 11-20 Uhr (Fr + Sa bis 21:30 Uhr) geöffnet. Der X20 fährt alle halbe Stunde in die alte Reichsstadt, am Wochenende stündlich. Dieser Bus wird rege genutzt, wie Sie sicher festgestellt haben. (Auch zur Umgehung des S-Bahn Chaos auf der Strecke zwischen Waiblingen und Cannstatt). 
Und nun stellen Sie sich mal vor, beim Nulltarif im ÖPNV entfielen die Wartezeiten beim Bezahlen und Sie wären noch schneller am Ziel. Als Weihnachtswunsch halt.
In diesem Sinne: Kommen Sie gut ins Neue Jahr.


Nachbetrachtung: Die Zensur im Mitteilungsblatt der Gemeinde Kernen nimmt immer absurdere Formen an. Als jemand, der regelmäßig für das Mitteilungsblatt schreibt, schwanke ich zwischen Empörung, Amusement und Resignation – ganz abgesehen von der verschwendeten Zeit, wenn mensch stundenlang vor dem Rechner sitzt, um einen Beitrag zu schreiben, der nachher mit einem Federstrich rausgeworfen wird.
Ein zusätzlich erschwerendes Moment ist die Tatsache, dass Zensur immer willkürlich ist. Und das ist auch so gewollt. Als Schreibender weißt du nie, ob der Beitrag veröffentlicht wird oder nicht. Die eine Woche geht etwas durch, was die darauffolgende Woche zensiert wird. Wie gesagt: willkürlich. Und in dem oben beschriebenen Fall auch absurd. Die Willkürlichkeit der Zensur trägt wesentlich dazu bei, dass die Schreibenden die sog. „Selbstzensur“ praktizieren. Wenn es zweifelhaft ist, ob etwas veröffentlicht wird, wird es von vorneherein nicht geschrieben.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie (vielleicht ist es auch absurd), wenn die Redaktion des Mitteilungsblatts (und damit die Gemeinde Kernen) auf der Titelseite der Weihnachtsausgabe (Nr. 51 vom 17.12.2025) schreibt (in derselben Ausgabe, in der der „Weihnachtswunsch“ von K21 zensiert wurde): „Die Redaktion bedankt sich herzlich für […] die zahlreichen Beiträge, die uns im Laufe des Jahres erreicht haben. Sie alle machen das Mitteilungsblatt zu dem, was es ist: ein lebendiges Stück Gemeindeleben“. (Siehe Foto).
Vor allem angesichts der Tatsache, dass der allgemeine gesellschaftliche Meinungskorridor immer enger wird – weil tatsächlich viele Menschen sich nicht mehr getrauen, ihre Meinungen und Gefühle in der Öffentlichkeit (teilweise auch im Privaten) zum Ausdruck zu bringen, zu sagen oder zu schreiben. Beziehungsweise auf Plattformen ausweichen, die durchaus auch problematisch sein können.
Leider ist es zur Zeit auch nicht möglich, eine öffentliche Debatte darüber zu führen, weil diejenigen, die die Macht haben, über den Abdruck von bestimmten Dingen zu entscheiden (oder halt über bestimmte Dinge nicht berichten) das Problem nicht sehen, ignorieren oder gar abstreiten, dass es überhaupt existiert. Und sich deshalb auch weigern, darüber zu diskutieren oder sich damit auseinanderzusetzen.
Ebbe Kögel


Ausschnitt Titelseite Mitteilungsblatt Kernen Nr. 51-2025 vom 17.12.2025